05.02.2012

Süddeutsche Zeitung: Skandalöse Kündigung von 53 Zustellern

Was geht da gerade in München ab? Mit einer großen Imagekampagne werden verzweifelt Zusteller gesucht. Und gleichzeitig sollen 53 zum großen Teil langjährige Zusteller/innen gekündigt werden! Ein Widerspruch? Keineswegs, wenn man einen lästigen Betriebsrat und eine aufmüpfige Belegschaft vom Hof jagen will. Was sich offenbart, ist der absolute moralische Verfall einer hoch angesehenen liberalen Zeitung.
Betroffen sind die Zusteller/innen der ZVZ Zentrum GmbH. Der wurde der Zustellauftrag von der SZ Logistik GmbH entzogen. Die ist eine 100%-Tochter der Süddeutschen Zeitung GmbH, die wiederum Mitgesellschafter der ZVZ ist. (Alle anderen Zustellgesellschaften in München haben die gleiche Konstruktion). Als Grund für den Auftragsentzug werden die angeblich hohe Reklamationsquote und die zu hohen Lohnkosen der ZVZ angeführt. Doch ach, einer Prüfung halten diese Gründe nicht stand. Alle Münchner Zustellgesellschaften haben vergleichbare Reklamationsquoten und Lohnkosten. (Wobei man auch wissen sollte, dass die letzte Lohnerhöhunge 18 Jahre zurückliegt!)
In Wahrheit geht es darum, den nächsten Betrieb (nach der ZV Harthof) zu eleminieren, der einen lästigen Betriebsrat hat - und wo sich die Belegschaft erdreistet, nach 18 Jahren eine Lohnerhöhung zu fordern. Aber das passt den Herren in der Süddeutschen Zeitung und deren Tochter SZ Logistik gar nicht. Denn ihr Ziel ist es, die Lohnkosten trotz 18 Jahren Lohnpause auch noch um 30 Prozent zu senken. Großzügig bietet deshalb die ZVZ an, man wolle sich für eine Vermittlung in die anderen Zustellgesellschaften bewerben (die - zur Erinnerung - alle den gleichen Auftraggeber und die gleichen Gesellschafter haben!) - Allerdings liegen die Neuverträge ziemlich exakt 30 Prozent unter den sogenannten "Altvergträgen".
Die große liberale Tageszeitung Deutschlands will mit diesem durchsichtigen Spiel gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Lästigen Betriebsrat beseitigen, aufmüpfige Belegschaft zu Bittstellern degradieren und Lohnempfänger zu Almosenempfängern machen. Das ist ein Abgrund an Kaltschnäuzigkeit und Unmoral. Dass einzelne betroffene Zusteller/innen in existenzielle Nöte geraten, wird billigend in Kauf genommen. Ein kleiner "Kollateralschaden" auf dem Weg zum Hungerlohnparadies. Mit den jetzt angebotenen Verträgen der ZV München City GmbH, die offensichtlich den Zustellauftrag übernehmen soll, kommt ein/e Zusteller/in im Durchschnitt gerade mal auf 5,90 Euro in der Stunde. (Wobei bei manchen Touren gerade mal ein Stundenlohn von 3,50 rauskommt).

Kommentare:

  1. Roadrunner13.02.12, 20:32

    Einen kollegialen Gruß und Grüß Gott aus Bremen an die KollegInnen in München!

    Ich bin in Bremen bei der Bremer Tageszeitungen AG als Zusteller beschäftigt und verfolge schon seit Monaten auf Eurer Verdiseite, wie mit Euch umgesprungen wird. Ich muss sagen, absolut skandalös!

    Unser Vorstand hat auch begonnen, den Vertrieb in einzelne Zustellgesellschaften zu zerschlagen. Näheres könnt Ihr bei Interesse unter unten aufgeführtem Link nachlesen.

    Genauso wird es uns ab 2014 in Bremen auch gehen. Wir haben in der zur Zeit noch bestehenden Logistik einen spitzenmäßigen Betriebsrat und einen eigenen Haustarifvertrag. Beides wird es ab 2014 nicht mehr geben. Und wenn versucht wird, in einer der letztendlich geplanten 12 Zustellgesellschaften einen Betriebsrat zu gründen, wird der ZG einfach der Auftrag entzogen. Nebenbei kann man sich so auch die sonstigen Aufmüpfigen und vielleicht zu häufig Kranken vom Halse schaffen.

    Immerhin hat unser BR einen sehr guten Interessenausgleich und Sozialplan mit Abfindungen aushandeln können. Ich hoffe sehr, dass von den KollegInnen davon rege Gebrauch gemacht wird und dem Verlag die Zuseller davonlaufen und nicht bei den neuen ZG's unterschreiben. Vielleicht kann man so noch einmal das Ruder herumreißen. Wenn ich mir aber die Münchener Situation so anschaue, habe ich wenig Hoffnung.

    Kollegiale Grüße
    Roadrunner

    http://www.zeitungszusteller.org/zeitungsboten-zusteller/ausgliederung-der-logistik-bei-der-bremer-tageszeitungen-ag/

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    1. Hallo Roady,
      im vergangenen Jahr war ich desöfteren bei euch im Norden.
      Erfahrungsaustausch mit Zusteller/innen in WHV u. Umland. War sehr interessant. Wie wäre es mit einem solidarischen Zusammenschluss von Nord nach Süd u. von Ost nach West?
      "Geht nicht, gibt`s nicht" alles ist Machtbar! Was andere "Macher" nicht zu stande bringen, dass schaffen wir mit 200% aus dem Handgelenk!!!

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  2. Hallo Roadrunner, da scheint ja das "bewährte" Münchner System nach Norden gewandert zu sein. Wir sollten da bald einen Erfahrungsaustausch organisieren. Einfach schreiben an zvtraeger@web.de

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  3. Bei der Schließung der ZVH Harthof GmbH wurde die genau gleiche Methode gefahren. Dies könnte man auch „gebräuchlicher Missbrauch“ nennen?! Diese Vorgehensweise ist unterste Schublade. Hier wird tatsächlich mit den Ängsten, Nöten und Existenzen der Zeitungszusteller/innen gespielt und ihre Rechte mit Füßen getreten! Solche Methoden dürfen in unserem "freiheitlichen" Land keinen Platz haben und müssen deshalb bekämpft werden! Liebe Zusteller/innen der ZVZ, ihr habt einen guten Betriebsrat der für euch und mit euch kämpft. Vertraut ihm und handelt mit ihm! Unterschreibt nicht die vorgelegte Eigenkündigung sowie den neuen Anstellungsvertrag. Diesen kann man kostenlos beim Arbeitsgericht oder als Mitglied bei Ver.di prüfen lassen.

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  4. Roadrunner17.02.12, 23:26

    Hallo Werner, hallo Bejo,

    entschuldigt bitte, dass ich mich erst jetzt melde. Ich finde auch, es ist an der Zeit, dass sich die Betriebsräte mal untereinander austauschen. Seit Ihr eigentlich bei den Zustellerseminaren von Verdi dabei?

    Ich habe ein BR Mitglied hier in Bremen auf Euren Vorschlag angesprochen. Er wird es bei der nächsten BR-Sitzung am kommenden Montag ansprechen. Ich selbst bin kein Betriebsrat.

    Solidarische Grüße und lasst Euch bloß nicht einschüchtern. Pfui Deibel, was ist das bloß für eine "Unternehmenskultur" heutzutage...

    Roady

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